τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 20. Januar 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1032a 27 – 35



Der französische Philosoph Bernard Sichère, der vor einigen Jahren eine Neuübersetzung der aristotelischen Metaphysik vorgelegt hat, hat jetzt mit Aristote au soleil de l’être eine Studie publiziert, in der er von der Verblüffung berichtet, die ihm der Philosoph in seinen späten Jahren bereitet habe.

Technischer nähert sich der Philosophiehistoriker Alain de Libera der Frage nach dem Umgang mit alten philosophischen Texten: ist es notwendig, diese Texte mit neuen Wörtern zu besprechen? Titel seines Buches: L’archéologie philosophique. Séminaire du Collège de France 2013-14 (Paris 2017).

Die Frage aus dem letzten Protokoll, in welchen Realitätsbereich – Natur oder Kunst (Kultur) – die Philosophie eingeordnet werden könnte, wird versuchsweise so beantwortet: wenn  Philosophie als eine menschliche Tätigkeit verstanden wird, dann fällt sie wohl unter techne, also  Kunst (Kultur). Bei näherer Umschau stellt sich heraus, dass das für Aristoteles gar nicht sicher ist. In dem nur vermutungsweise aristotelischen Protreptikos werden Philosophie und techne nach ihren jeweiligen Wissensformen unterschieden, da die eine auf unveränderliche Prinzipien gerichtet sei, die andere auf die veränderliche Natur. Also zwei Formen von theoria.  Außerdem umfasst das menschliche Tun nicht nur das von der techne abhängige poiein,  sondern auch die mit den Tugenden verbundene praxis.

Die beiden Einwände stellen allerdings die in unserem Text enthaltene Auffassung in Frage, wonach physis und techne alle Bereiche des Entstehens abdecken.

Alle Entstehungen, die nicht zur Natur gehören, werden nun als Bewirkungen (poieseis) der Kunst oder der Fähigkeit (Vermögen) oder der Überlegung zugeordnet. Die Frage ist, ob Aristoteles nun seine kurz zuvor gegebene Bestimmung – Entstehungen entstammen der Natur oder Kunst – modifiziert, oder ob er mit Fähigkeit bzw. Überlegung nur die Kunst erläutert. Das doppelte „oder“ legt die erste Annahme nahe und könnte darauf hinauslaufen, dass neben der Kunst auch das Handeln und die Wissenschaft gemeint sind; der Kontext und die Parallelstelle Met. VI, 1025b 22ff. sprechen eher für die zweite Annahme, also für eine feste Zuordnung von techne und poiesis (die uns ja in der Wissenschaftsklassifikation schon begegnet war).

Der folgende Satz erweitert die natürlichen und künstlichen Entstehungen bzw. Bewirkungen durch spontane und tychische, die ähnlich (oder fast ebenda) vorkommen (wobei die aristotelische Satzkonstruktion so verdichtet ist, dass das Verhältnis zwischen den vier Möglichkeiten nicht ganz klar wird).

Automaton und tyche werden im Zweiten Buch der Physik ausführlich erklärt und zwar als zwei zusätzliche Verursachungsweisen – zusätzlich zu Natur und Kunst beziehungsweise in den Bereichen von Natur und Kunst aber ohne deren Wesensgesetzlichkeit. Zusätzlich auch im Sinn von „zufällig“ und akzidenziell, während die Verursachungen in Natur und Kunst jeweils von entsprechenden Wesen ausgehen (und daher intelligibler sind). Dabei steht die spontane Entstehung der Natur näher, wie der berühmte Fall der „spontanen Zeugung“ zeigt: ein Lebewesen geht aus etwas hervor, was nicht wesensgleich mit ihm ist, also nicht aus dem Samen eines artgleichen Lebewesens.  Die tychische Entstehung kommt vornehmlich im Bereich des poietischen und praktischen, also menschlichen Tuns vor: ein Zufall verändert die Situation.

Wir fragen uns, ob der Zufall auch in der Kunst (im engeren also modernen Sinn des Wortes) eine Rolle spielt, und stellen fest, dies treffe für manche Richtungen der modernen Kunst (im engsten Sinn) tatsächlich zu. Mit seinem Begriff des Tychischen scheint also Aristoteles eine Kunst zuzulassen, die seinem strengen Begriff von Kunst nicht entspricht: denn deren Form muss in der Seele (wohl des Künstlers) gewesen sein. Form oder „erste Wesen“. Diese Begriffsverwendung dreht die Unterscheidung von erster und zweiter Substanz in der Kategorienschrift um: jetzt ist das „erste Wesen“ die in der Seele vorausgesetzte Form. Eine psychologisierende Platonisierung?

Walter Seitter

Sitzung vom 17. Jänner 2018



Nächste Sitzung am 24. Jänner 2018

Montag, 15. Januar 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1032a 16 – 26


Bereits am 6. Dezember 2017 haben wir angefangen, den Abschnitt 7 zu lesen, in dem eine neue Einteilung vorgetragen wird: Natur, Kunst(fertigkeit), von selber (1032a 11). Diese drei Begriffe bezeichnen Realitätsbereiche – jedenfalls die beiden ersten können ziemlich leicht mit heute üblichen Begriffen identifiziert werden: etwa Natur und Kultur. Es handelt sich um Realitätsbereiche, die sich in der Gliederung der Wissenschaften, auch der Museen, vielleicht der Ministerien spiegeln. Und es gibt auch Untergliederungen: so hat sich die Kunst im griechischen Sinn in der Moderne gespalten in Kunst und Technik und, wenn wir uns die Frage stellen, in welche aristotelische Sparte etwa die Philosophie gehört – was würden wir da antworten?

Die beiden aristotelischen Realitätsbereiche Natur und Kunst werden auf der Ebene des Entstehens angesiedelt und folglich stellt sich die Frage, wo der Begriff des Entstehens seinen Platz hat. Er gehört zu den ontologischen Begriffen, denen die Seinsmodalitäten entsprechen. Die wichtigsten Seinsmodalitäten waren bisher Wesen oder Substanz und die Akzidenzien - allesamt in den zehn Kategorien zusammengefasst. Es sind aber bereits einige zusätzliche dazugekommen und sie werden im Abschnitt 2 von Buch IV genannt (die dortigen Abschnitte 1 und 2 enthalten nämlich die formelle Gründung der Ontologie, was zu bemerken wichtig ist, damit die Textmasse des Buches namens Metaphysik eine Gliederung bekommt). Die dort genannten zusätzlichen Seinsmodalitäten heißen etwa „Weg zum Wesen“, Vergehen, Privation (der ein Abschnitt in Buch V gewidmet ist), Bewirkendes oder Erzeugendes – und sogar das Nicht-seiende wird noch dazugenommen (1003b 6ff.) Und etwas später, in den Abschnitten 4 und 5, wird auch die Möglichkeit genannt (1007b 29, 1009a 35). Aus dieser Zusammenstellung lässt sich ohneweiteres erschließen, dass das Entstehen oder Werden ebenfalls eine Seinsmodalität ist und zwar eine entscheidende, nämlich: anfangen zu sein. Die merkwürdige Formulierung „Weg zum Wesen“ ist vielleicht sogar direkte eine Umschreibung dafür.

Die Nennung der Seinsmodalitäten hat also etwas Offenes aber die Ebene als solche ist bestimmt und die aristotelische Ontologie ist dadurch gekennzeichnet, dass der Primat des Wesens oder der Substanz aufrechterhalten wird. Dieser Primat bedeutet, dass dem Wesen „mehr“ Sein zugesprochen wird, als den Akzidenzien, dem Werden oder dem Möglichen, und dass dem Wesen Selbständigkeit, den anderen Modalitäten Abhängigkeit zugesprochen wird. Diese meine Redeweise entspricht genau dem, was Aristoteles sagt, verwendet aber politischere Wörter.

Aristoteles hebt sich damit von Parmenides ab, der nur einem  vollkommen Seienden Sein zugesprochen hat, wie auch von Heraklit, der das Sein ins Werden aufgelöst hat.

Die Ebene der Seinsmodalitäten hebt sich ab von den drei oder vier Realitätsbereichen, die nun im Abschnitt 7 eingeführt werden: Natur, Kunst, „von selber“ und Zufall (1032b 26ff.)

Bisher war in der Metaphysik nur der Begriff „Natur“  vorgekommen (so in Abschnitt 4 von Buch V) – und zwar in zwei Bedeutungen. Als Synonym für Wesen ist er ein ontologischer Begriff, als Bezeichnung für das pflanzenhafte und animalische Wachsen steht er für den Realitätsbereich, den wir auch heute noch so nennen und der für Aristoteles paradigmatische Bedeutung hat, wenngleich das Artefakt „Schiff“ für die seefahrenden Griechen ebenfalls allergrößte Bedeutung gehabt haben muß, wie sich daraus erschließen lässt, dass in der Metaphysik das Artefakt „Haus“ eine große Rolle spielt und zwar als ein Fall von „Wesen“. Lucie Strecker hat übrigens am 6. Dezember mit den beiden Ausdrücken „Biofakt“ und „Artefakt“ eine neuere Terminologie für Natur und Kunst eingebracht. Das Element „arte“ in „Artefakt“ enspricht genau dem griechischen techne.

Und der Rückgriff auf Helmuth Plessner am 13. Dezember hat gezeigt, dass seine Bestimmung des „Lebewesens“ durch die drei Aspekte der Dinghaftigkeit, des ständigen Werdens und der ständigen Potenzialität verschiedene Seinsmodalitäten zur Koinzidenz bringt. Möglicherweise gilt Ähnliches für die Bestimmung des  „Lebens“ bei François Jullien. Die Ebenen der Seinsmodalitäten und der Realitätsbereiche schließen sich nicht aus sondern ein.


Walter Seitter 
Sitzung vom 10. Jänner 2018


Ein älteres Buch zur Aristoteles-Interpretation:

Heinz Happ: Hyle. Studien zum aristotelischen Materie-Begriff Berlin – New York 1971)

Und ein neues zur sachlichen Vergleichung:

Robert Hugo Ziegler: Elemente einer Metaphysik der Immanenz (Bielefeld 2017)




Nächste Sitzung am 17. Jänner 2018

Montag, 18. Dezember 2017

Weihnachtsbrief

PK und IK

Politische Korrektheit (PK) und Inkorrektheit (IK) bilden ein Duo. das zusammengehört und daher müssen die beiden  zusammen besprochen, beurteilt, kritisiert werden. Andernfalls arbeitet man dem jeweiligen Gegenpol zu und verstärkt die gegenseitige Aufschaukelung der beiden, das heißt man verstärkt sowohl den einen Pol wie den anderen - den einen bewusst und freiwillig, den anderen weniger freiwillig.

Ein Merkmal von PK ist die einseitige Betonung der Gleichheit zwischen den Menschen. Es gibt zum einen mannigfache Ungleichheiten - sie sind unterschiedlicher Art und unterschiedlich zu beurteilen. Es gibt aber auch Gleichheiten - etwa die Wesensgleichheit, durch deren Anerkennung sich der Universalismus auszeichnet (egal ob dieser religiös oder philosophisch begründet wird). 

Alle Unterschiede abschaffen wollen, ist ein Irrweg von PK, der sich gern moralisch rechtfertigt. Alexis Dirakis schreibt in seinem Aufsatz in Tumult Zeitschrift für Konsensstörung (Sommer 2017), der politischen Korrektheit gehe es mehr um die moralische Ordnung als um den Zustand der Welt. Ich würde sagen, sie kümmert sich kognitiv zu wenig um den Zustand der Welt - und das ist eine Art Realitätsverweigerung auf einer bestimmten Ebene. Nicht nur der Zustand der Welt wird missachtet sondern auch gewisse pragmatische Eigentümlichkeiten der Politik, die man das Politische nennt.

Und jetzt komme ich auf das zurück, was ich vor einem Jahr kurz angedeutet habe - dass es nämlich drei normative Qualitäten gibt, die voneinander zu unterscheiden sind. Das Wahre, das Schöne, das Gute (wenn man will, kann man sie platonisch "Ideen" nennen). PK interessiert sich nur für das Gute, wenig für das Wahre, d. h. die Aufmerksamkeit für Tatsachen, Sachverhalte, Strukturen. Leider folgt daraus, dass auch das Engagement für das Gute auf diesem Weg entgleist - in Rechthaberei, Zensur und Schlimmeres ausartet. IK setzt sich leichten Herzens über das Gute hinweg und über das Wahre.

Man kann den Kommunismus als die vor genau 100 Jahren erfundene Extremvariante von PK ansehen. Ebenfalls vor genau 100 Jahren wurden die Extremvarianten von IK erfunden: die Faschismen. Die von der Faszination durch das Schöne zehren. Das Jahr 2017 ist in diesem Sinn ein Jubeljahr, das wir nicht ungedacht vorübergehen lassen sollten.

Sich nur für das Wahre interessieren - das war jahrhundertelang die Spezialität von spitzfindigen Theologen, in neuerer Zeit könnte man da die Szientisten nennen. Aber als Reaktion gegen PK und IK ist das Insistieren auf Respekt vor Wahrheiten sehr sinnvoll, auch vor banalen Wahrheiten, also vor Tatsachen, worauf Timothy Snyder hinweist. 

Walter Seitter  


  

Freitag, 15. Dezember 2017


Sitzung vom 13. Dezember 2017

                                      
Da ich neulich einen Vortrag zum Thema „Topik, Physik, Dramatik des Menschenkörpers. Bei Helmuth Plessner“  gehalten habe, greife ich jetzt einige Thesen von Plessner auf (aus seinem Buch Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928)) – mit der Frage, wie sie sich zur aristotelischen Philosophie verhalten.

Plessners Begriff vom Körper engt sich keineswegs auf den menschlichen ein (wie bei neueren Philosophen eher üblich), sondern er reicht von Stein oder Schuh bis zu Palme oder Frosch und bezieht auch den Menschen ein. Während Aristoteles die Lebewesen durch Selbstbewegung charakterisiert (wozu er auch das Wachstum rechnet), nennt Plessner zunächst das weniger augenfällige Merkmal, das er „Grenzrealisierung“ nennt: lebende Körper hören an ihren Rändern nicht einfach auf, sondern sie bauen ihre Grenzen auf je spezifische Weise aus – so dass sie bestimmte filterartige, ventilartige Grenzverkehre möglich machen. Diese Grenzen schließen den Körper gegen die Umwelt ab und gleichzeitig schließen sie den Organismus zur Umwelt hin auf. Gleichzeitig koinzidiert das Sein des Lebewesens mit einem ständigen Werden und die Wirklichkeit mit seiner Potenzialität.

Das ergibt eine pulsierende Lockerung des Körpers im räumlichen Sinn – Plessner spricht von „Positionalität“ als einem Hin und Her von Anhebung und Niedergesetztsein. Und für die Zeitlichkeit des Lebewesens ist entscheidend, dass seine Gegenwart sich von der Zukunft her bestimmt. Auch seine Vergangenheit bekommt ihren Charakter von seiner Zukunft her – eben dies macht Gedächtnis und schließlich Bewusstsein möglich.

Alle diese Merkmale von Abhebung, Verflüssigung und Zeitumkehr, von Abschließung und Aufschließung würden den lebenden Körper auflösen, wenn das Lebewesen nicht  durch die Konstanz einer Formidee stabilisiert würde. Das Lebewesen muss den Konflikt zwischen dinglicher Selbständigkeit und vitaler Unselbständigkeit ständig austragen und bestehen. Plessner schlägt dafür den Begriff „Prozess“ vor und nebenbei erwähnt er gewisse platonische oder vielmehr aristotelische Denkfiguren.

Tatsächlich scheinen seine Ausführungen mit aristotelischen Annahmen vereinbar zu sein. Wolfgang Koch vermisst darin das Neue und sagt, das Prozessdenken, wie es von Alfred North Whitehead entwickelt worden ist, halte nicht am „etwas“ des Lebens fest, schon gar nicht an der Individualität des Lebewesens. Mir hingegen scheint es nicht plausibel, diese Annahmen aufzugeben. Andererseits verfeinert Plessner sehr wohl die aristotelischen Aussagen zum Lebewesen, da er sich eng mit der Biologie des frühen 20. Jahrhunderts abgestimmt hat.

Wenn Plessner an der Individualität des Individuums festhält und daher auch die Notwendigkeit und die Eigenart seiner Grenzen betont, dann bezieht er sich damit auch auf die Menschen und insofern indirekt auch auf die Politik. Dies hat er ausdrücklich bereits 1924 in Grenzen der Gemeinschaft getan und vor zuviel Gemeinschaftssehnsucht gewarnt. Neben den gemeinschaftlichen Sozialformen (Liebesgemeinschaft, Arbeitsgemeinschaft) brauchen die Menschen auch Sozialformen, in denen die Distanzen kultiviert werden (bis hin zur Diplomatie).

Die weiteren Ausführungen Plessners zur menschlichen Körperlichkeit (Eigenkörper, Fremdkörper) und zu den „anthropologischen Grundgesetzen“ („natürliche Künstlichkeit“, „vermittelte Unmittelbarkeit“, „utopischer Standort“) überspringe ich ebenso wie den Exkurs zur Dimension von Entropie und Ektropie und den diesbezüglichen Positionen von Felix Auerbach, Jacques Lacan, Erwin Schrödinger. Aber Schrödingers Epilog zu seinem kleinen
Buch Was ist Leben? : die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet (1946) erwähne ich noch; denn dort plädiert er apodiktisch gegen die „im Westen verbreitete Pluralitätshypothese“ – und für die Annahme, wonach es Bewusstsein, Ich, Seele nur im Singular gebe.

Und die Grenzen der Körper? 

Unsere nächste Sitzung soll am 10. Jänner 2018 stattfinden. Auf die Fortsetzung der Aristoteles-Lektüre können wir uns mit der Frage einstimmen, zu welchem Realitätsbereich die Philosophie selber gehört.


Walter Seitter




Freitag, 8. Dezember 2017

Weiße Strahlung

Alptraum der Welt, weiß wie die Wand
durch die ich mit meinem Panzer breche.
Im aufwirbelden Staub weist mir Blut
den Weg ins nächste Haus, wo mein Lachen
die Angst durch das Rohrwerk treibt.

Am Bug des Schiffes, das auf allen Meeren
den bleichen Schrecken jenen bereitet,
die dunkler in der Sonne stehen, hänge ich
mit einem Speer in der Hand, Galionsfigur
eines Entsetzens, von dem sie nicht einmal
in ihren schlimmsten Nächten träumen.

Ich habe die Köpfe der Sklaven zwischen
meinen Daumennägeln zerquetscht. Läuse
sind mir zu klein. Menschen liegen besser
in der Hand, die zur Faust geballt, euch alle
lehrt, was die Macht eines weißen Mannes
in eurem Herzen und an eurem Leib vermag.

Sie hielten mich auf den fernen Inseln und
großen Kontinenten für einen Gott. Bei Gott,
ich habe sie nie enttäuscht! So schnell
konnten sie gar nicht auf die Knie fallen,
dass ich ihnen nicht schon zuvor den Kopf
abgeschlagen hatte – das Schwert, sie haben
mir das Schwert in die Hand gedrückt
und mich angebetet. Ich war ihre Schuld.   

Ihre bunten Sünden musst’ ich in der Weißglut
meines Zorns zu einer Erbschuld schmieden.
So konnten sie mich stärker fürchten, inbrünstig
beten. Meine Worte ein pyroklastischer Strom
über ihren Dörfern und stinkenden Städten.

Wo bin ich nur so weiß geworden? Juden
und Griechen waren leidlich braun. Muss
später geschehen sein. Womöglich in Rom,
als sie mich in die Cloaca Maxima warfen,
die Bibliothek des Allzumenschlichen. Dort
hab’ ich mich erkannt, weiß vom Kalk, der
mich vor der Verwesung bewahren sollte.
                                                Auferstanden
aus Germaniens Feldern, aufgefahren in die
grausame Bergwelt, wo in kalten, waldigen
Tälern mein Hass auf alles Schwache heran-
wuchs. Dort oben in der klaren Luft kühlte
mein Herz so weit ab, dass ich am Eisklotz
Bronzeschwerter scharfschleifen und damit
die ganze Welt niederschlagen konnte. Blitz
und Donner gaben mir Geleit. Später knallte
das Dynamit des Nobelpreisträgers.

Ihr lacht über mich, wenn ich am Schirm
erscheine. Ein alter Weißclown, unfähig,
den Alltag des Lebens zu meistern. Ihr
macht mich zum Narren, um eure Ängste
im Lachen zu ersticken.

Als ob man mich weglachen könnte. Wie
ein Wurm bin ich durch Dreck gekrochen
und in einer Gottverlassenheit gesessen,
die jedes andere Wesen getötet hätte.

Wenn die Welt zu Nebel wird, müssen wir
Weißen kommen. Nur wir ertragen das Bild
unserer eigenen Bösartigkeit im Spiegel
unserer Seele – ein Raum soweit, dass dir die
Augenlider abfallen, wenn du in ihn schaust.

Und doch habe ich die Welt besser gemacht,
ich, der mächtige, abscheuliche, weiße Mann:
die Sklaverei verboten, den Krieg zu einem
Verbrechen erklärt. Als seinem Vater stand
mir das auch zu. Eure Automobile habt ihr
aus meiner Garage, die Kühlschränke aus
meiner Fabrik. Zu schweigen von dem Zeug,
das ihr täglich in euch hineinstopft.

Weißes Licht, weißes Nichts, weiße Nacht.
Wenn ich komme, seht ihr, wo die Flamme,
die wärmende, nährende, leuchtende, am
hellsten brennt: um den schwarzen Docht.
Sogar zu dieser Erkenntnis verhilft mein
weißer Kopf auf der Stange über dem Tor.


Dr. Christian Zillner