τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Samstag, 21. April 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z),1035a 22 – 1035 b 24


Antwort von Walter Seitter

Zu I.  

Die Begriffe lauten: Speziezismus, Speziezist(in)

Der Begriff der "genetischen Information" ist mit Hinweis auf neuere Forschungen, Umstrittenheiten, unterschiedliche Definitionen, mögliche Fehlwirkungen nicht außer Kraft gesetzt. Auch die Natur ist nicht unfehlbar - aber sie funktioniert mit einer hochwahrscheinlichen Regelmäßigkeit. Menschliche Eltern erzeugen menschliche Kinder.


Aus dem Protokoll vom 5. März 2018:

.„Speziezismus“ nennt man, nämlich Peter Singer, die Diskriminierung bzw. Andersbehandlung  bestimmter Arten von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Bruno Latour behauptet nun in Le Monde vom 5. März 2018, dass eine Kritik daran sich ins Absurde verirrt, wenn sie bestimmte Arteigenschaften, etwa die Vorliebe für Gazellen vonseiten der Löwen, leugnet oder abschaffen will. Gegen einen derartigen „Antispeziezismus“ setzt er einen „Multispeziezismus“ – womit Überlegungen innerhalb der menschlichen Spezies über ihre Nahrungsbeschaffung nicht präjudiziert sind; denn Überlegen ist eine menschliche Fähigkeit. (Yves Bonnardel, Thomas Lepeltier, Pierre Sigler: La révolution antispéciste (Paris 2018))

Mit anderen Worten: es gibt viele Arten und jedes - uns aus der Erfahrung bekannte -  Lebewesen gehört einer bestimmten Art an: Reh, Mensch ...-. Fortpflanzung funktioniert nur artgleich, artgemäß, gleichartig, homonym, homoeidetisch - zwischen verschiedenen Geschlechtern: zwischen den sexuellen Geschlechtern (m, w) und zwischen den Generationen (Eltern, Kinder). So bei A und bei S.

Daß die Intelligenz tatsächlich den Unterschied zwischen Mensch und Reh markiert, wird von mir nicht unbedingt behauptet. Aber dass es artbildende Unterschiede gibt, behaupte ich -  z. B. Anzahl der Beine, Vorliebe für bestimmte Nahrung... 

Nach Peter Singer bildet die Intelligenz den Unterschied zwischen sog. normalen Menschen und sog. dementen Menschen. Aber nicht zwischen normalen Menschen und irgendwelchen bestimmten sagen wir aufgeweckten Tieren. Daraus zieht er drastische Schlüsse für die Ethik, die nicht von allen Menschen geteilt werden. Sein Antispeziezismus erscheint mir theoretisch (empirisch) irrig, praktisch (ethisch, politisch) gefährlich.

Von Rassismus sollte man nur sprechen, wenn der Begriff "Rasse" einigermaßen geklärt ist. Rasse ist eine feste Gruppe innerhalb einer Art mit subspezifischer vererbbarer Bestimmtheit. Ob es so etwas gibt, bei Menschen, Hunden, Pferden, weiß ich nicht. Daher spreche ich weder von Rasse noch von Rassismus.




Donnerstag, 19. April 2018


In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035a 22 – 1035 b 24)


Holobionten

Aristoteles (A)
Bönitz, Hermann (HB)
Koch (K)
*Panteliadou (*P)
Seitter (S)
Singer, Peter (PS)
Stegmann, Ulrich (US)


Gliederung

Spezietistik
Telesemantik
Zirkeleien
Prinzip Seele


I. Spezietistik

S sagt: Ich bin Spezietist! Nicht in kritischer Verwendung wie bei PS, der intelligenten Tieren in der menschlichen Gesellschaft Tierrechte einräumt, und der dem Speziezimus des Menschen die Diskriminierung aller anderen Lebewesen vorwirft. Ich bin Spezietist im einfachen aristotelischen Sinn, dass wir in der Natur immer die Fortschreibung von Spezien sehen. Ein Mensch bringt immer nur einen Menschen hervor, ein Reh immer nur ein Reh.

*P sagt: Aber es gibt doch unterschiedlich konditionierte Spezien, hybride und transformative Formen.

S sagt: Nein, die Natur funktioniert quasi so, als hätte sie A gelesen; alle physischen Dinge sind zwingend zusammengesetzt aus Stoff und Form; dieser Hylomorphismus ist auch die Grundlage der Fortpflanzung der Lebewesen, bei der A dem männlichen Geschlecht die zeugende Rolle zuschreibt. Die heutige Biologie anerkennt den Speziezismus immer noch im Begriff der genetischen Information.

K sagt: Aber die Übernahme der mathematischen Informationstheorie in diesem umgangssprachlichen Begriff ist in der Philosophie der Biologie doch höchst umstritten. In der Biologie stellt sich seit Jahren die Frage, ob es überhaupt genetische Entitäten irgendwelcher Art gibt, die Informationen enthalten.

US sagt: Die Natur mentaler Repräsentationen ist eines der hartnäckigsten Probleme in der Philosophie des Geistes. Ob Gene Informationen enthalten, hängt davon ab, wie der Ausdruck Gen definiert wird. Für Biologen repräsentieren Gene manche ihrer Wirkungen, und sie speichern Informationen, die richtig oder falsch umgesetzt werden können. [Der Begriff der genetischen Information, in: Philosophie der Biologie, stw 1745, 2005].

K sagt: Das ist weit entfernt von unserem Alltagsbegriff, wonach Information ja nicht grundsätzlich falsch sein kann. Der Begriff »genetische Information« ist also entweder ein Missverständnis oder eine Metapher der Genetik, jedenfalls kein Stützargument für den Speziezismus. Ich kann auch keinen essentiellen Unterschied zwischen der Position der Spezietisten (A, S) und Position der Antispeziestisten (PS) erkennen. Beide führen in die Natur eine intelligible Struktur ein: die einen mit der Gerichtetheit des Lebens, mit dem Telos der Fortpflanzung, der andere mit der Zuschreibung von kognitiven Fähigkeiten an die Lebewesen. Ich kann damit nichts anfangen. 1977 druckte ZUT, das Organ der italienischen Maodadaisten, das Gedicht eines 13jährigen Korrespondenten ab, in dem es u.a. heisst:

Die Wissenschafter sagen,
dass zwischen Mensch und Tier
die Intelligenz steht,
aber für mich ist das nicht so.
Die Intelligenz existiert nicht.
Sie ist nur ein Weg,
eine neue Art Rassismus zu schaffen.
Niemand ist intelligent.


II. Teleosemantik

*P sagt: Der Finger...

S sagt: Ja, was ist damit?

*P sagt: A sagt, der Finger werde durch das Ganze des Körpers definiert (1335b 4). Dann kommt da eine Zeitlichkeit mit herein. Was ein Teil des immateriellen Begriffs ist, sei früher als das Ganze, was Teil des Stoffs ist, aber sei später. Damit wäre der Begriff des Fingers vor dem Körper da, das Fleisch aber nachdem das Körperganze bereits existiert, es wächst aus ihm heraus.

S sagt: »Früher« und »später« sind bei A nicht zeitlich gemeint, sondern im Sinn von primär und sekundär, von bedeutend und minder bedeutend.

K sagt: Vielleicht passen da auch die Ausdrücke basal/ nicht basal, oder mehr seiend/ weniger seiend, wie ja über Form und Stoff in der Gestalt bereits in Buch VII.3 (1029a 7) ausgesagt ist.

*P sagt: A sagt, der abgeschnittene, tote Finger ist nur der Ausdrucksgleichheit mit einem lebenden Finger nach noch ein Finger (1035b 24), aber eigentlich, also real, ist er das nicht mehr.

S sagt: Zunächst folgt im Text das Beispiel des Kreises. A sagt, dass der Kreis ausdrucksgleich bezeichnet wird, weil es für das einzelne Ding keinen eigenen Ausdruck gibt (1035a 36). Was heißt das? Er spricht von zwei Modalitäten des Kreises: dem allgemeinen Kreis und dem konkret vorliegenden Kreis. Weil wir für letzteren, den konkreten Kreis, kein eigenes Wort haben, ja, weil wir grundsätzlich für keinen einzelnen Kreis je wo ein Wort haben, gewinnt der theoretische Begriff erst seinen Wert. Der Rückgriff auf die Funktion des Ausdrucks, die gleichmachende Wirkung seines Merkmals, verhindert es schließlich auch, dass der Begriff, im Gegensatz zum Stoff, zerlegt werden kann. A sagt: Das Stofflose, dessen Begriff nur Begriff der Form ist, geht überhaupt nicht zugrunde (1035a 28). Form ist nicht vernichtbar, sie bleibt ewig.


III. Zirkeleien

K sagt: Der eherne Kreis, der in Abschnitt 7 noch heftig als Beispiel strapaziert wurde (1032a 5), ist im Abschnitt 8 einer Metallkugel gewichen. Von der »Rundheit am Erz« ist auf diese Weise weiterhin die Rede, auch wenn dem Kreis nun, im Abschnitt 10, die geometrischen Segmente als sein eigentlicher Stoff zugeschrieben werden (1035a 13). Dass A für den Metallkreis den Ausdruck Ring nicht gekannt haben soll, ist freilich schwer zu glauben.

*P sagt: ...oder Scheibe oder Platte, wenn der Kreis flach ist.

S sagt: In der Tat, merkwürdig! A sagt, es gibt keinen eigenen Ausdruck für den einzelnen Kreis, aber wir haben für seinen ehernen Kreis sogar mehr als einen: Ring, Scheibe, Platte, Münze.

*P sagt: In der Definition des Teils und des Ganzen ist jetzt auch von Prinzipien die Rede, im Originaltext: Archē (1035a 24).

S sagt: Und erstmals ist in der Metaphysik auch von einer Teilung von Begriffen die Rede (1035b 6), auch das ist verwirrend und neu. Das Prinzip muss wohl im erkenntnistheoretischen Sinn verstanden werden. Der ganze Kreis ist ein Prinzip des Halbkreises (1036b 9), genauer: jenes Formprinzip, für das A vier Synonyme kennt, als wichtigstes davon: die Formursache. Unter dem rechten Winkel versteht A das Ganze; und den spitzen Winkel versteht er als Teil des rechten Winkels im stofflichen Sinn (1035b 7).


IV. Prinzip Seele

S sagt: Das Lebewesen setzt A im gegenständlichen Abschnitt aus Körper und Seele zusammen, wobei er die Seele als das »Wesen des Beseelten« [in der HB-Übersetzung: »Wesen des Belebten«] definiert und in drei theoretische Bestandteile gliedert (1035b 15):

– begriffliches Wesen
– Form
– Was-es-ist-dies-zu-Sein [Wesen-was, Wesen der Sache]

Damit wird die Seele als die höchste Form eines jeden lebenden Dinges eingesetzt. A bekräftigt und erweitert an dieser Stelle den animistischen Gedanken um eine Dreigliederung, den er bereits in Buch V.8 brutal ausgesprochen hat: Die Seele ist das Wesen des Körpers (1017b 17).

Wir müssen mehr an unserem Erinnerungsvermögen bei der Lektüre arbeiten.


Protokoll: K, Wien, 18.4.18


Nächste Sitzung am 25.4.2018

Dienstag, 27. März 2018




In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1034b 20 – 1035a 22



Die Zeugung eines Maulesels durch ein Pferd ist der bekannteste Fall einer Abweichung von der Regel der Gleichnamigkeit und Gleichartigkeit zwischen den Generationen. Nach Aristoteles geschieht sie „wider die Natur“ (1033b 33) – weil sich das Vatertier mit seiner Form nicht so durchsetzt, dass das Gezeugte derselben Spezies angehört (außerdem ist dieses Gezeugte dann seinerseits zeugungsunfähig - siehe 1034b 3)). Hier wäre also von einer eklatanten Vaterschwäche zu reden.

Wir dürfen aber dazusagen, wie es dazu kommt. Maulesel (und Maultiere) sind Kreuzungsprodukte aus  Esel und Pferd, also Produkte menschlicher Züchtungskunst. Menschliche Züchtungskunst, die ohnehin die gesamte Landwirtschaft bestimmt, hat da stark eingegriffen und das natürliche Zeugungsgeschehen innerhalb der Familie bzw. Gattung „Pferd“ (für Aristoteles heißt nur die Art „Pferd“) manipuliert. Eine Manipulation, die von der Natur ausnahmsweise akzeptiert wird – aber mit der erwähnten Abschwächung (die von Aristoteles indirekt als „Verletzung“ oder „Verstümmelung“ bezeichnet wird – 1034b 4).[1]

Die Kombination aus biologischer Zeugung und künstlicher Einwirkung habe ich für den Bereich menschlicher Fortpflanzung vermutungsweise bereits namhaft gemacht, obwohl ich bei Aristoteles dazu keine Anhaltspunkte finde. Eher neigt ja Platon dazu, die menschliche bzw. staatsbürgerliche Fortpflanzung künstlich und politisch in Regie zu nehmen.
   
Die reguläre Gleichnamigkeit und Gleichartigkeit, die sowohl die aufeinander folgenden Generationen wie auch die beiden sexuellen Geschlechter umfasst – also die „Geschlechter“ in beiden Wortbedeutungen (siehe dazu den Abschnitt 28 in Buch V), stellt einen Sachverhalt dar, der die aristotelische Substanz-Auffassung sozusagen der Natur selber zuschreibt. Die Natur ist eine „Speziesistin“ – sie funktioniert bei den uns bekannten Lebewesen (zu denen wir selber gehören – Lacan zufolge ist es ein grober Fehler, sich selber auszulassen)[2] nach dem Schema Gattung-Spezies-Individuum, in dem die Spezies für die Zweite Substanz (im Sinne der Kategorien) oder die Primäre Substanz (im Sinne der Metaphysik) steht.

Gleichnamigkeit und Gleichartigkeit – Thomas Buchheim spricht griechischer von Homonymie und Homoeidetik[3] - vertreten die beiden Ebenen, die Aristoteles  ständig, wenn auch mit wechselnder Dominanz, im Auge hat und  die sich gegenseitig stützen und verstärken: die Sprachebene und die Sachebene.

Abschnitt 10 setzt mit „Definition“ und „Begriff“ wieder  (und noch stärker als Abschnitt 5) ganz stark auf die Sprachebene – und hebt diese gerade dadurch hervor, dass auch der ziemlich abstrakte Begriff „Sache“ (pragma) gleich zweimal genannt wird – welcher Begriff eher selten vorgeführt wird. Die Sachebene wird zumeist mit konkreteren Sachbegriffen wie Vater, Samen, Kreis, Segment, Substanz, Akzidens, präsentiert. Mit Silbe und Buchstaben, also mit  physikalischer Sprach- bzw. Schriftanalyse, werden Sachebene und Sprachebene gleichzeitig aufgerufen.

Wieso aber die Sprachebene? Sie ist das sichtbarste Symptom dafür, dass Wissenschaft etwas Materielles produziert, etwas Künstliches, das zur „Theorie“ hinzukommt, sie geradezu herbeiführt und sie außerdem ausführt, also gestaltet und ihr ein Gepräge gibt, eine Stoßrichtung verleiht, ein physisches Profil, aus dem sich vielleicht eine  elementarpolitische Richtung ablesen lässt, eine erkenntnispolitische. Denn es ist nicht egal, mit welchen Namen, Begriffen, Definitionen ein Sachverhalt, auch ein natürlicher, benannt, bezeichnet, festgeschrieben wird. Ob es mit Zoologie, Psychologie, Physik oder mit Erster Philosophie geschieht, wie etwa bei Aristoteles. Es beginnt immer mit bestimmten Buchstaben, Silben, Wörtern aus Wachs oder aus Luft. Also geschriebenen oder gesprochenen, durchaus artifiziellen Formeln und Formulierungen.

Aristoteles führt die Parallelaktion aus Sprachebene und Sachebene dann so durch, dass er die Frage aufwirft, ob der Primat jeweils dem Teil oder dem Ganzen zuzusprechen ist, wobei wiederum Form und Stoff unterschieden werden.

Ist der Begriff des Teils im Begriff des Ganzen enthalten? Das trifft für das Segment, das ein Teil des Kreises ist, nicht zu, wohl aber für den Buchstaben als Teil der Silbe. Das Segment ist nur irgendein Stück des Kreises, ohne mit seinem Wesen etwas zu tun zu haben – vielleicht würde Aristoteles die Frage in Bezug auf den Sektor anders beantworten, denn dieser reicht vom Mittelpunkt bis zum Umfang und wird von zwei Radien begrenzt. Ähnlich das Verhältnis zwischen spitzem Winkel und rechtem Winkel sowie zwischen Finger und Lebewesen.

Die Buchstaben auf der Wachstafel oder die in der Luft, also die geschriebenen und die gesprochenen mit den jeweils zuständigen Materialien sind im Begriff der Silbe nicht enthalten – wohl aber in der geschriebenen oder gesprochenen Silbe.

Zerlegt man eine Linie in zwei Hälften oder einen Menschen in seine Knochen und Sehnen und Fleisch(stück)e so gelangt man keineswegs zu den Teilen von deren Wesen – denn man zerteilt nur den Stoff und nicht die Form, auf welche der Begriff zielt. Daß der Mensch dabei vernichtet wird, d.h. stirbt, wird auch erwähnt – das heißt: dieses „nur den Stoff“ ist keineswegs unwichtig. Die Form hingegen geht nicht zugrunde – aber hier vermeidet es Aristoteles, allzu bestimmt eine Ewigkeit der Form in Aussicht zu stellen: Das Stofflose, „dessen Begriffe nur auf die Form zielen, das geht nicht zugrunde, entweder gar nicht oder nicht auf diese Weise.“ (1035a 29).

Walter Seitter

Sitzung vom 21. März 2018


Nächste Sitzung am 11. April 2018




[1] Ein eher normales Züchtungsprodukt innerhalb der Familie der Pferde, nämlich in der Spezies der Esel, ist mir dieser Tage zu Gesicht gekommen: in Annaberg (Land Salzburg) ritt am Palmsonntag  Lucas Oberauer auf der Eselin namens Csila in die Kirche ein; diese Eselin gehört zur seltenen Rasse der Österreichisch-Ungarischen Weißen Barockesel, die vor allem im 17. Und 18. Jahrhundert gezüchtet wurde und für die das cremefarbene Fell und die hellblauen Augen typisch sind. Eine Züchtung, für die der Ausdruck „Kunst“ nicht zu hoch gegriffen ist. (Siehe Salzburger Nachrichten, 25. März 2018).

[2] Siehe Jacques Lacan: Seminar II (1954/55): Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse (Olten-Freiburg 1980): 106ff.


[3] Siehe Thomas Buchheim: loc. cit: 121ff.

Sonntag, 18. März 2018

                                       
In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1034a 19 – 1034b 19


Was in einem bestimmten Moment entsteht, fängt erst in diesem Moment an zu existieren. Hinsichtlich seiner Existenz und als Individuum ist es also neu. Es entsteht aber nicht aus nichts, sondern aus Form und Stoff.  Hinsichtlich seiner Form oder seines Wesens ist es nicht neu, denn diese Form muß es schon irgendwie gegeben haben – entweder in seinem natürlichen Erzeuger (Vater, Samen) oder im Denken seines künstlichen Herstellers (Künstlers). Sowohl die Formen wie auch die Stoffe hat es schon vorher gegeben.

Etwas entsteht aus einem Gleichartigen (oder Gleichnamigen). Das sind die normalen, die substanziellen oder essenziellen Entstehungen, in denen eine gleiche Wesensform weitergegeben wird. Entstehungen durch Übernahme einer Wesensform: Apfelkern – Apfelbaum, Menschensamen – Menschenkind -  .....

Die zuletzt genannte Reihe gilt für jede menschliche Reproduktion. Aber unterhalb der Wesensgleichheit zwischen den Menschen, die von Aristoteles fest behauptet wird, gibt es Differenzierungen, von denen mindestens eine direkt mit der Zeugung verbunden ist: diejenige zwischen männlichen und weiblichen Kindern. Da die Zeugung als Formübertragung laut Aristoteles nur vom Vater ausgeht, wird bei der Zeugung eines weiblichen Kindes die Gleichartigkeit (und Gleichnamigkeit) unterbrochen: vom Mann wird eine Frau gezeugt. Da wird für die Sexualität, die eine subspezifische (subessenzielle) Qualität ist, die Form nicht vom Vater geliefert. In dieser Hinsicht geht die Zeugungsbewegung von der – mütterlichen - Materie  aus und die Entstehung ist eine „von selber“, eine „automatische“ oder „akzidenzielle“. Auf dieser Ebene setzt sich die Mutter (die ja nicht bloß Materie sondern ebenfalls Körper, geformter und beseelter, ist) mit ihrer Formgebung durch. „Akzidens“ als Störung oder Ausnahme oder Privileg?

Die katholischen Lehren von der Empfängnis Mariens (ungefähr im Jahre -17) und von der Empfängnis Jesu (ungefähr im Jahre 0) beziehen sich auf solche Ausnahmen „nach oben“ oder „von oben“. Ausnahmen aufgrund von tyche?

Wie die Wesensformen sind auch die anderen kategorialen Formen und auch der Stoff nicht entstanden sondern vorgegeben – und sei es auch rein potenziell. In einer Hinsicht unterscheidet sich jedoch das Wesen von den übrigen Voraussetzungen: damit ein substanzielles Ding, also ein Körper, entstehen kann, muß ein anderer und mehr oder weniger ähnlicher Körper als Vorbild und Wirkursache schon wirklich, d.h. vollendet existiert haben.  

Die Menschenzeugung wird von Aristoteles entweder unilinear (Mensch aus Mensch) oder plurilinear (Mensch aus Vater und Mutter, Mensch aus Mensch und Sonne und Ekliptik) hergeleitet. Da bereits der einfache Mensch ein komposites Wesen ist (Stoff und Form), entsteht der „neue“ Mensch immer aus Zusammensetzungen und damit eröffnet sich ein Kontingenzraum: welche Komponente setzt sich beim neuen Menschen, der ebenfalls ein zusammengesetztes Wesen ist, stärker durch? Akzidenz, Kontingenz ?

Daß auch in der künstlichen oder künstlerischen Entstehung die unilineare Homonymie durch kontingente Abweichungen modifiziert werden kann bzw. muss, lässt sich annehmen. Auch bei Voraussetzung eines bestimmten „Wesens“ (Haus, Tragödie (in der Poetik hat Aristoteles die Tragödie als ein Ding besprochen, dessen „Seele“ im plot liegt)) werden die Werke unterschiedlich ausfallen und überdies unterschiedlich beurteilt werden: Gemeinsamkeiten und Nuancen innerhalb einer Kultur.

Natürlich gezeugte Menschenindividuen werden durch Erziehung und überhaupt durch Kultivierung (Fremd- und Selbstkultivierung) gewissermaßen auch zu „Werken“.

Und wenn ein Tanzkünstler seine Aufführungen selber choreographiert, dann entstehen Werke, in denen Natur und Kunst ohne große Umwege zusammenkommen (es können dennoch große Umwege eingebaut sein, wenn sich eine Choreographie etwa an Aischylos orientieren würde). (Lucie Strecker erinnert an die willkürliche Selbstbewegung des menschlichen Körpers in der Art des Tanzens, die Aristoteles in 1034a 16 erwähnt hat).


Walter Seitter

Sitzung vom 14. März 2018



Nächste Sitzung am 21. März 2018

Freitag, 9. März 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1034a 9 - 18


Das Allgemeine, das einen Bestandteil der aristotelischen Substanz bildet und unabhängig von Aristoteles bei Sokrates, Platon, Kant, Edmund Husserl („Wesensschau“), Max Weber („Idealtypus“) eine Rolle spielt,  ist ein Gesehenes und ein Gesprochenes. So wie die platonische „Idee“ ist es keine Idee im modernen Sinn, also keine menschengemachte oder "angefertigte" Vorstellung, nicht ein Vorschlag oder ein Plan. Sondern eine Artbestimmung oder Gattungsbestimmung, die in vielen Einzelwesen vorkommt.

Bei uns geht es jetzt um die Entstehung und dabei nicht nur um die Entstehung von Substanzen. Gesundheit ist ja keine Substanz sondern eine Qualität bestimmter Substanzen – nämlich von Lebewesen. Das Haus hingegen dürfte für Aristoteles als Substanz gegolten haben.

Der Unterschied zwischen der Entstehung der Gesundheit und derjenigen eines Hauses wird hier so formuliert, dass jene aufgrund von Kunst oder auch „von selber“ geschieht. Mit der Kunst ist in diesem Fall das Wirken eines Arztes, also Heilkünstlers, gemeint. Und mit dem „von selber“ könnte zur Not eine natürliche Spontanheilung gemeint sein, oder eine unordentliche Selbstverarztung – aber damit hätten wir doch wieder Natur und Kunst eingeführt. Oder aber ein eigenständiges „von selber“ – wofür mir einfällt: ein Wunder, eine göttliche Einwirkung. So etwas hat Aristoteles innerhalb der Tragödie kaum akzeptieren wollen. Allerdings würde das viele eher als tyche gelten: ein von außen kommender Zufall.[1]

Fällt jemandem noch ein anderes mögliches „von selber“ für die Entstehung von Gesundheit ein? Die von Armin Tillmann genannte Prävention klingt sehr sympathisch, doch ist fraglich, ob man da von Entstehung sprechen kann. Eher von Erhaltung, Bewahrung, Fortsetzung – womit Entstehung überflüssig gemacht wird. Es gelingt uns also kaum, eine „spontane“ Entstehung von Gesundheit präzise zu bestimmen.

Wohl aber liefert Aristoteles eine Erklärung dafür, dass bei manchen Entstehungen nicht die Kunst oder nicht nur die Kunst ausschlaggebend ist: nämlich dort, wo der Stoff eine Eigenmächtigkeit entfaltet. Da die Steine, die den Stoff zum Haus bilden, von sich aus nicht die Bewegungen vollziehen können, welche zum Aufbau einer Mauer und zur Zusammenfügung mehrerer Mauern führen würde, kann ein Haus nur mit Kunst entstehen: mit Planung und Durchführung von künstlichen Steinsetzungen.  


Walter Seitter



[1] Die Eliminierung göttlicher Akteure und die Zurückdrängung der menschlichen, der sogenannten Helden, aus der Tragödie war dasjenige, was in der hiesigen Poetik-Lektüre, die von 2007 bis 2010 gedauert hat, hauptsächlich gesehen worden ist – nachzulesen in Walter Seitter: Poetik lesen (Berlin 2010): 97. So hat Aristoteles im plot der Tragödie, einer exzentrischen Sonderzone, seine substanzialistische Ontologie zugunsten eines Akzidenzialismus suspendiert – was wiederum meine Neugier in Richtung Ontologie gesteigert hat und die hiesige Metaphysik-Lektüre  ins Leben gerufen hat.



Sitzung vom 7. März 2018


Nächste Sitzung am 14. März 2018